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Speer-Azurjungfer - Coenagrion hastulatum (CHARPENTIER, 1825)
Artenprofil von Heide Gospodinova & H.-Willi Wünsch
Letzte Änderung: 18.11.2014


Systematische Einordnung

Stamm: Gliederfüßer (Arthropoda)
Klasse: Insekten (Insecta)
Ordnung: Libellen (Odonata)
Familie: Schlanklibellen (Coenagrionidae)

Fotos (© H.-Willi Wünsch)



(xxl-Foto)
Männchen

(xxl-Foto)
Weibchen

(xxl-Foto)
juv. Männchen
Klick auf die kleinen Bilder oder xxl-Ansicht möglich
     
Besondere Merkmale

Insekten-ABC, Erklärungen von Fachbegriffen

Informationen zum wissenschaftlichen Namen: "hastulatum" stammt vom lateinischen "hastulatus" ab und bedeutet "mit einem kleinen Speer gezeichnet". Dies bezieht sich auf die speerförmige Zeichnung auf der Oberseite des 2. Abdominalsegmentes der Männchen. Auch der deutsche Artname nimmt darauf Bezug.

Die Speer-Azurjungfer ist von recht zierlicher Gestalt. Mit einer Körperlänge von 33 mm ist sie etwas kleiner als die häufig vorkommende Hufeisen-Azurjungfer (Coenagrion puella). Die Männchen sind von anderen Schlanklibellenarten durch ihre charakteristische Zeichnungen auf den Oberseiten der Hinterleibssegmente 2 und 3 zu unterscheiden.



Männliche Speer-Azurjungfer mit der typischen speerförmigen Körperzeichnung (Foto © Heide Gospodinova, xxl-Foto per Klick)

Dort tragen sie als schwarze Muster auf blauem Grund Ornamente, die auf dem zweiten Segment an einen Pilz mit 2 seitlichen Kommastreifen und auf dem dritten Segment an die Spitze eines Speeres erinnern. Die Blaufärbung ist etwas blasser, die Körperunterseite erscheint grün, sodass sie von einem aufmerksamen Beobachter auch im Flug von anderen Arten unterschieden werden kann.

Bei den Weibchen gestaltet sich die Bestimmung etwas schwieriger. Weibliche Jungtiere sind, ähnlich wie die jungen Männchen, eher bräunlich gefärbt.
Erwachsene Weibchen weisen einen einheitlich hellgrünen Grundton auf. Ihr Abdomen ist auf der Oberseite nahezu durchgängig schwarz. Hierdurch besteht eine Verwechslungsgefahr mit Weibchen der grünen Variante der Hufeisen-Azurjungfer (Coenagrion puella). Ein sicheres weibliches Bestimmungsmerkmal stellt der Hinterrand der Vorderbrust, das sogenannte "Pronotum", dar. Es bildet bei der Speer-Azurjungfer mittig eine Einkerbung, ähnlich einem weitgeöffneten "V".

Gesamtlänge: 31-33 mm; Hinterflügellänge: 16-22 mm

Lebensraum
Coenagrion hastulatum besiedelt dystrophe (nährstoffarm, huminsäurereich und kalkfrei) oder mittel- bis schwach eutrophierte Gewässer mit gut ausgebildeten, strukturreichen Verlandungszonen. Viele, in der Literatur bezeichneten Lebensräume entsprechen nicht mehr dem aktuellen Habitatspektrum der Art. Die Speer-Azurjungfer wurde früher als typische Moorart bezeichnet. Nach heutigen Erkenntnissen kann sie sich auch an schwach strömenden Fließgewässern und vegetationsreichen Gräben fortpflanzen. Demnach zeigt die Spezies keine strenge Bindung an Moore sondern lediglich eine gewisse Präferenz für diese Lebensräume.



Typischer Lebensraum der Speer-Azurjungfer (Foto © H.-W. Wünsch, 11.06.2014, xxl-Foto per Klick)

So werden weiterhin Stillgewässer wie kleine Torftümpel, größere Bergseen und, wenn auch selten, extensiv bewirtschaftete Fischteiche als Habitat angenommen. Besonders geeignet sind gut bis sehr gut besonnte Gewässer mit einer nicht zu hohen Verlandungsvegetation im Wald oder zumindest in Waldnähe, die durch den Wald windgeschützt sind.
Coenagrion hastulatum ist offensichtlich sehr ortstreu. Es hat sich gezeigt, dass der Aktionsradius der Tiere innerhalb ihres Habitats sehr klein ist. Somit liegen Reife-, Ruhe-, Jagd- und Fortpflanzungshabitate in unmittelbarer Nähe zueinander, zumeist in einem Umkreis von ca. 50 Metern.

Biologie und Lebensweise
Die Flugzeit der Speer-Azurjungfer beginnt Anfang Mai und endet im August. Die Reifezeit der Imagines ist mit einer Dauer von etwa einer Woche relativ kurz. Während dieser Zeit entfernen sich die Tiere nicht sehr weit von ihren angestammten Gewässern. Liegen günstige Bedingungen vor, wie z. B. die schützende Nähe eines Waldes, können auch noch mehrere hundert Meter vom Gewässer, in warmen Schneisen und windgeschützten Lichtungen, Jungtiere gefunden werden.



Junge männliche Speer-Azurjungfer (Foto © Heide Gospodinova, xxl-Foto per Klick)

Nach Erreichen der Geschlechtsreife wandert ein kleiner Teil der Lokalpopulation ab, um neue Fortpflanzungshabitate zu suchen. Dies ist jedoch aufgrund der kurzen Lebensdauer und der relativ hohen Ansprüche der Art nur in wenigen Fällen erfolgreich. Die standorttreuen Imagines kehren wieder zu den Brutgewässern zurück. Dort ruhen die Männchen in niederer Vegetation und warten auf einfliegende Weibchen. Die Tiere beginnen mit ihrer Tagesaktivität sobald das Sonnenlicht ihre Ruhe- und Schlafplätze erreicht. Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen folgt das Aufwärmen der Flugmuskulatur und anschließende Jagdflüge.



Tandem der Speer-Azurjungfer (Foto © Heide Gospodinova, xxl-Foto per Klick)

Nach erfolgter Nahrungssuche erscheinen die ersten Männchen etwa gegen 09:00 Uhr wieder am Gewässer, wo in flacher Vegetation Sitzwarten bezogen werden. In unregelmäßigen Abständen unternehmen sie kurze Rundflüge in 20-60 cm Höhe über dem offenen Wasser oder im lockeren Pflanzenbewuchs. Meist kehren sie anschließend zum Ausgangspunkt zurück. Dabei wirkt ihr Flug langsam und wenig ausdauernd. Die Männchen verhalten sich untereinander kaum aggressiv. Bei Begegnungen von zwei oder mehreren Exemplaren weichen sich die Tiere gegenseitig aus, ohne dass es zu rivalisierenden Luftkämpfen kommt.



Paarungsrad der Speer-Azurjungfer (Foto © Heide Gospodinova, xxl-Foto per Klick)

Coenagrion hastulatum paart sich vorwiegend in der niedrigen Ufervegetation unmittelbar an der Wasserlinie. Nachdem das Männchen ein Weibchen zu Paarungszwecken ergriffen hat, fliegt das Pärchen in die niedere Ufervegetation. Dort findet die Begattung im Sitzen statt. Sie dauert zwischen 15 und 30 Minuten. Unmittelbar danach geht das Paar zur Eiablage über. Das Weibchen sticht seine Eier bevorzugt in Torfmoose ein.



Eiablage der Speer-Azurjungfer in abgestorbenem Binsenhalm. Auf dieser Anfang Juni 2014 entstandenen Aufnahme ist im rechten oberen Viertel des Fotos eine Larve einer Falkenlibellenart zu sehen. Diese Larve könnte für das eierlegende Speer-Azurjungfer-Tandem eine lebensbedrohliche Gefahr darstellen (Foto © Heide Gospodinova, xxl-Foto per Klick).

Lebendes oder abgestorbenes Substrat in Form von Binsen- und Seggenhalmen wird gleichfalls zur Eiablage genutzt. Während der Prozedur bleibt das Männchen an das Weibchen angekoppelt. Die Pärchen können bei der Positionierung der Eier bis zu einer halben Stunde vollkommen unter Wasser tauchen und eine Tiefe von ca. einem halben Meter erreichen. Das Weibchen klettert dabei langsam rückwärts, gemeinsam mit seinem Parner, an vertikalen Strukturen wie zum Beispiel an einem Seggenhalm unter Wasser. Dabei dient ihnen eine den gesamten Körper umhüllende Luftblase als Sauerstoffvorrat. Diese Methode der Eiablage wird jedoch nicht immer ausgeführt. Eiablagen der Art erfolgen nie in Gruppen sondern lediglich paarweise. Am frühen Nachmittag lässt die Aktivität der Imagines am Gewässer bereits deutlich nach. Gegen 16:00 Uhr ist kaum noch ein Exemplar am Wasser zu finden.



Ausgereiftes Männchen der Speer-Azurjungfer (Foto © Heide Gospodinova, xxl-Foto per Klick)

Hinsichtlich der Dauer ihrer Entwicklungsphase bis zum fertigen Fluginsekt ist die Speer-Azurjungfer sehr variabel. Wenn die Larven nach einigen Wochen aus den Eiern geschlüpft sind, benötigen sie, je nach Standort, zwischen einem und vier Jahren um auszureifen. Die mittlere Lebenserwartung der Imagines beträgt hingegen bei den Männchen nur 7 bis 8 Tage. Die Weibchen werden mit durchschnittlich 9 Lebenstagen nur geringfügig älter.

Nahrung
Imagines: Es werden allerlei Kleininsekten wie Fliegen, Mücken und Eintagsfliegen im Flug erbeutet. An Pflanzen lebende Blattläuse werden direkt angeflogen und sitzend in großen Mengen verzehrt.



Ausgereiftes Weibchen der Speer-Azurjungfer (Foto © Heide Gospodinova, xxl-Foto per Klick)

Larven: Die Larven der Speer-Azurjungfer gelten als sehr lebhaft und extrem scheu. Bei der geringsten Störung tauchen sie in größere Tiefen ab. Sie sind Tag und Nacht auf Nahrungssuche. Ihre Hauptbeute besteht aus Wasserflöhen und Hüpferlingen (kleine Ruderfußkrebse), die auf verschiedene Weise erbeutet werden. Ist reichlich Nahrung im Wasser vorhanden, legen sich die Larven auf die Lauer und ergreifen ihre Opfer blitzschnell aus einem Versteck heraus. Bei Nahrungsknappheit jagen sie jedoch auch aktiv und schwimmen im Wasser nach Beute suchend umher.

Besonderheiten: Großlibellenlarven, insbesondere jene der Torf-Mosaikjungfer (Aeshna juncea), mit denen die Speer-Azurjungfer oft vergesellschaftet lebt, werden instinktiv als Prädatoren erkannt. Tauchen diese in unmittelbarer Nähe auf verstecken sich die Speer-Azurjungfer-Larven schnell und verharren dort einige Zeit völlig regungslos.

Verbreitung in D/Welt
Das Hauptverbreitungsgebiet von Coenagrion hastulatum erstreckt sich über die nördliche Paläarktis von Westeuropa bis nach Ostsibirien. Die Art kommt in den Benelux-Staaten und an den Pyrenäen vor. Es existieren isolierte Populationen in Schottland und am Rande des Eismeers in Finnland. Auf französischem Gebiet sind einzelne Vorkommen in den Vogesen bekannt.



Junge weibliche Speer-Azurjungfer (Foto © Heide Gospodinova, xxl-Foto per Klick)

In Deutschland fliegt die Art in anmoorigen Gewässern am Voralpenrand und etwas häufiger in den östlichen Bundesländern wie Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Aus Rheinland-Pfalz liegen vereinzelte Funde aus Gebieten der Hocheifel vor, die sich auf kleinflächige Moore der Gemeinde Dahlem beschränken. Populationen im Hohen Venn werden vermutet, sind bislang jedoch noch nicht bestätigt.
In Hessen gilt die Art als extrem selten. Hier sind derzeit nur noch 2 Habitate mit einer geringen Individuenzahl bekannt. In Baden-Württemberg geht die Anzahl der bodenständigen Vorkommen im Schwarzwald und der Schwäbischen Alb seit 1980 stetig zurück.
Insgesamt gilt die Art deutschlandweit, laut der Roten Liste der bedrohten Libellenarten Deutschlands (1998), als gefährdet (RL 3).

Verbreitung in NRW
In Nordrhein-Westfalen ist den Autoren nur ein einziges bodenständiges Vorkommen bekannt. Dieses befindet sich im nördlichen Landesteil an den Grenzen zu Niedersachsen und den Niederlanden. Es liegt in einem teilweise sehr schwer zugänglichen Naturschutzgebiet, dessen Betretung genehmigungspflichtig ist.

Coenagrion hastulatum wird in der Roten Liste NRWs (2010) als sehr selten und bei starkem Rückgang in der Stufe RL 1 als "vom Aussterben bedroht" geführt. Daher sollten keinerlei negative Eingriffe in den wenigen geeigneten Lebensräumen stattfinden. Künstliche Entwässerungsmaßnahmen oder starke Trittschäden, Eutrophierungen und intensive Bewirtschaftung von Gewässern stellen Gefährdungsursachen dar. Schutzmaßnahmen, wie kein weiterer - oder kontrollierter Torfabbau - eine anschließende, vorsichtige Wiedervernässung mit einer Kontrolle des Wasserhaushaltes und eine behutsame Entbuschung der Lebensräume wären für den künftigen Erhalt der Art und ihrer Lebensräume wünschenswert.

Benutzte Literatur
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DIJKSTRA, K.-D. B. (2006): Field Guide to the dragonflies of Britain and Europe. British Wildlife Publishing Ltd. 320 S.

GERKEN, B. & K. STERNBERG (1999): Die Exuvien europäischer Libellen - The exuviae of european dragonflies. Höxter, Jena: Arnika & Eisvogel.

GLITZ, D. (2012): Libellen in Norddeutschland, ein Geländeschlüssel. Buch u. DVD.

HILL, B., H.-J. ROLAND, S. STÜBING & C. GESKE (2011): Atlas der Libellen Hessens. FENA Wissen, Band 1: 184 S.

KUHN, K. & K. BURBACH (1998): Libellen in Bayern. Eugen Ulmer, Stuttgart. S. 176 ff

OTT, J. & W. PIPER (1998): Rote Liste der Libellen (Odonata). In: Binot, M., R. Bless, P. Boye, H. Gruttke & P. Pretscher: Rote Liste gefährdeter Tiere Deutschlands. Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.): Schr.-R. Landschaftspfl. u. Natursch. 55: 260-263

ROTE LISTE und Artenverzeichnis der Libellen - Odonata - in Nordrhein-Westfalen (2010): 4. Fassung, Stand April 2010, Arbeitskreis Libellen NRW - Klaus-Jürgen Conze, Nina Grönhagen unter Mitarbeit von Edgar Baierl, Andreas Barkow, Ludger Behle, Norbert Menke, Matthias Olthoff, Eva Lisges, Mathias Lohr, Martin Schlüpmann und Eberhard Schmidt - PDF

STERNBERG, K. & R. BUCHWALD (2000): Libellen Baden-Württembergs, Bd. 2, Großlibellen (Anisoptera). Ulmer Verlag. 534 ff.

WÜNSCH, H.-W. & H. GOSPODINOVA (2012): Die Libellen Nordrhein-Westfalens und darüber hinaus. CD-ROM, Band 1, Kleinlibellen, 5. aktualisierte Auflage.

WILDERMUTH, H. & A. MARTENS (2014): Taschenlexikon der Libellen Europas. Alle Arten von den Azoren bis zum Ural im Porträt. 824 Seiten, Quelle & Meyer Verlag GmbH & Co. Wiebelsheim

WILDERMUTH, H. (2010): Waldlichtungen als terrestrische Habitate von Libellen (Odonata), ENTOMO HELVETICA 3: 7-24, PDF


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Weitere Informationen zu Libellen (Odonata) im Internet

Arbeitskreises zum Schutz und zur Kartierung der Libellen in Nordrhein-Westfalen: Infos, Kontakte, Fotos, Links, Artenliste

www.libellenwissen.de: Sehr viele Informationen über Libellen, Bestimmungshilfen, Fotogalerien uvm. von Andreas Thomas Hein

Schutzgemeinschaft Libellen in Baden-Württemberg e.V. (SGL): Infos, Kontakte, Fotos, Links, Artenliste, Kartierung, Biologie, Ökologie usw.


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