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Pokal-Azurjungfer, Pokaljungfer - Erythromma lindenii (SELYS, 1840)
Artenprofil von H. Gospodinova & H.-W. Wünsch
(letzte Änderung: 16.03.2013)


Systematische Einordnung

Stamm: Gliederfüßer (Arthropoda)
Klasse: Insekten (Insecta)
Ordnung: Libellen (Odonata)
Familie: Schlanklibellen (Coenagrionidae)

Synonym:

Cercion lindenii

Fotos (© H.-W. Wünsch)
Bedburg-Kaster (1, 3), Tagebau Frechen (2, 4)


(xxl-Foto)
Männchen
09.09.2011

(xxl-Foto)
Männchen
01.08.2011
 
Klick auf die kleinen Bilder oder xxl-Ansicht möglich

(xxl-Foto)
Weibchen
04.09.2011

(xxl-Foto)
Weibchen
11.09.2010
 
Besondere Merkmale

Insekten-ABC, Erklärungen von Fachbegriffen



Männchen (oben und mittig) und Weibchen (unten) der Pokal-Azurjungfer (Fotos: H.-Willi Wünsch)

Die Männchen der Pokal-Azurjungfer sind, wie viele andere Schlanklibellen aus der Familie der Azurjungfern, kräftig hellblau gefärbt. Ihre oberen Hinterleibsanhänge sind zu einem deutlichen zangenförmigen Greifapparat ausgebildet, der länger als das 10. Hinterleibssegment ist. Innerseitig sind sie mit einem kurzen, recht spitzen Seitenzahn versehen. Während das 2. Hinterleibssegment die für die Art typische pokalähnliche Zeichnung aufweist, befinden sich auf den Hinterleibssegmenten 3 bis 6 lanzettenförmige, schwarze Flecken, die kurz vor dem vorhergehenden Segmentrand enden. Die Segmente 7 und 8 sind auf der Oberseite meist durchgehend schwarz, während die beiden letzten Segmente 9 und 10 überwiegend blau gefärbt sind. Auf der Oberseite des Kopfes befinden sich drei schmale blaue Streifen. Die Augen sind im Vergleich zu allen anderen Azurjungfernarten auffallend blau. Auf der Brust befindet sich ein sehr breiter Antehumeralstreifen.



"Augenblick" einer männlichen Pokal-Azurjungfer (Foto: H.-Willi Wünsch, xxl-Foto)

Die Weibchen verfügen über eine hellgrüne Färbung am Hinterleibsanfang und an dessem Ende, wohingegen die Mitte des Abdomens, nämlich die Segmente 4 bis 6 hellblau gefärbt sind. Die Augen der Weibchen weisen in der Jugend in der oberen Hälfte einen leichten Orangeton auf, der sich bis zum Erreichen der Geschlechtsreife in ein olivfarbenes Grün umwandelt.

Körperlänge: 35 bis 40 mm; Flügelspannweite: 35 bis 40 mm

Larve/Exuvie (Angaben aus BELLMANN 2007):
Schlanke Larve mit 3 Kiemenblättchen am Körperende > Erstes Fühlerglied nicht auffallend lang und alle Kiemenblättchen in etwa gleich lang > Seitenadern in den Kiemenblättchen zweigen schräg von der Mittelader ab > Kiemenblättchen ohne fadenförmige Verlängerungen > Hinterkopf abgerundet > Larven kleiner als 20 mm aber mindestens 13 mm lang > Kiemenblättchen länger als 3 mm und nicht auffallend schmal > Fühler mit 7 Gliedern > 1. Abdominalsternit mit Querreihe steifer Borsten = Pokal-Azurjungfer (Erythromma lindenii) ODER Kleines Granatauge (Erythromma viridulum)

Verwechslungsarten: Die Art kann leicht mit der häufig vorkommenden Gemeinen Becherjungfer (Enallagma cyathigerum) verwechselt werden. Dies trifft im Besonderen auf juvenile, noch nicht komplett ausgefärbte, Exemplare zu. Gemeine Becherjungfern haben jedoch u. a. größere Flecke auf dem Hinterkopf und keine Striche. Außerdem fehlen die lanzettenförmige, schwarze Flecken auf den Hinterleibssegmenten.


Verwechslungsart Gemeine Becherjungfer (Männchen, Foto: A. Steiner, xxl-Foto)

Lebensraum
Die Pokal-Azurjungfer ist meist an vegetationsarmen Seen und Teichen zu finden. Altwasser, Auenweiher, Baggerseen, Kies- und Sandgruben scheinen hierbei Optimalhabitate darzustellen. Die Art besiedelt darüber hinaus auch träge strömende Fließgewässer, an welchen die strömungsberuhigten Zonen bevorzugt werden. Mit reich entwickeltem Tauchblattrasen bewachsene Fischteiche werden ebenfalls angenommen.



Frontalansicht einer männlichen Pokal-Azurjungfer in Kopula (Foto: H.-Willi Wünsch, 09.09.2011, xxl-Foto)

Die Lebensräume der Pokal-Azurjungfer sollten eine größere freie Wasserfläche, eine zumindest spärlich oder partiell bewachsene, emerse Ufervegetation und wassernahe gehölzbestandene Bereiche aufweisen. In derartigen Habitaten lebt die Art gerne mit Arten wie der Gemeinen Becherjungfer (Enallagma cyathigerum), dem Kleinen Granatauge (Erythromma viridulum), der Westlichen Keiljungfer (Gomphus pulchellus), der Blauen Federlibelle (Platycnemis pennipes), sowie der Feuerlibelle (Crocothemis erythraea) vergesellschaftet.

Biologie und Lebensweise
Erythromma lindenii beginnt ab der zweiten Maihälfte zu schlüpfen. Die Schlupfzeit erstreckt sich dann bis Ende Juli/Anfang August, wobei die Hauptschlupfzeit im Juni liegt. Vom Beginn des Schlupfvorganges bis zum Jungfernflug vergehen durchschnittlich ca. 30 Minuten. Somit ist die Imaginalhäutung gegenüber anderen Schlanklibellenarten verhältnismäßig kurz. Die Ausfärbung der Kleinlibellenart vollzieht sich entsprechend schnell.

Die Weibchen erreichen bereits nach vier Tagen ihre Geschlechtsreife und sind dann vollkommen ausgefärbt. Die ist eine sehr wärmeliebende Art. Trotz dieser Eigenschaft beginnen die Imagines im Sommer bereits zwischen 08:00 und 09:00 Uhr mit ihren Flugaktivitäten über den freien Wasserflächen. In größeren Populationen zeigt die Art ihre Maximalaktivität zwischen 11:00 und 14:30 Uhr. Bis 16:00 Uhr nehmen die Aktivitäten der Pokal-Azurjungfern dann wieder rapide ab. Paarungsaktivitäten haben ihren Höhepunkt ab der Mittagszeit und dauern bis in den frühen Nachmittag an.

Die Pokal-Azurjungfer führt eine unauffällige Lebensweise und ist somit sehr schwer zu beobachten. Aus diesem Grund wurden bereits ganze Populationen über einen größeren Zeitraum vollständig übersehen. Die Männchen fliegen ausdauernd und schnell, in 1-2 cm Höhe über das offene Gewässer und kommen tagsüber nur selten an Land. Bei aufkommendem Wind oder stärkerer Bewölkung sind die Chancen einer näheren Betrachtung der Tiere am Größten.



2 männliche Pokal-Azurjungfern (Foto: H.-Willi Wünsch, 10.09.2011, xxl-Foto)

Die Männchen sitzen dann nahezu waagerecht an vertikalen Strukturen wie beispielsweise aus im Uferbereich herausragenden Wasserpflanzen in wenigen cm Höhe über der Wasseroberfläche oder an kleinen Zweigen von ufernahen Gehölzen. Dort erwarten die Männchen auch die, ausschließlich zur Paarung und Eiablage, Gewässer anfliegenden Weibchen.



Tandem der Pokal-Azurjungfer im Flug (Foto: H.-Willi Wünsch, 04.09.2012, xxl-Foto)

Wird ein Weibchen von einem Männchen entdeckt, wird es in der Regel sofort ergriffen und es kommt zur Bildung eines Tandems.



Tandem (Weibchen links) der Pokal-Azurjungfern (Foto: H.-Willi Wünsch, 04.09.2011, xxl-Foto)

In dieser Formation führt das Paar einen langen Hochzeitsflug durch, indem es über offenem Gewässer kreuzt. Erst danach kommt es in der Ufervegetation zur eigentlichen Paarung, die sitzend ausgeführt wird und 15 bis 30 Minuten andauert.



Kopula (Männchen links) der Pokal-Azurjungfern (Foto: H.-Willi Wünsch, 02.09.2011, xxl-Foto)

Bei der sich unmittelbar anschließenden Eiablage bleibt das Männchen zunächst am Weibchen angekoppelt. Wie bei vielen Coenagrion-Arten steht das Männchen dabei frei über dem Weibchen aufgerichtet.

   

Eiablage der Pokal-Azurjungfer (Foto: H.-Willi Wünsch, 04.09.2012, xxl-Fotos: 1, 2)

Gelegentlich taucht das Weibchen zur Eiablage sogar vollständig unter Wasser. Diese Tauchgänge können bis zu 30 Minuten andauern. Hierbei löst sich das Männchen vom Weibchen, fliegt eine nahe Sitzwarte an und erwartet das Auftauchen des Weibchens.



Auftauchende weibliche Pokal-Azurjungfer (Foto: H.-Willi Wünsch, 04.09.2012, xxl-Foto)

Das Weibchen lässt sich nach der Eiablage, wie ein Korken an die Wasseroberfläche zurücktreiben. Es ist in der Lage, sehr schnell aufzufliegen, sodass das wartende Männchen den Abflug des Weibchens in der Regel verpasst. Danach verlässt das Weibchen die Gewässerzone.

Nahrung
Über die Jagdmethoden der Art ist kaum etwas bekannt. Nur ganz selten wurden Imagines in verbuschtem Gelände bei Jagdflügen angetroffen. Da sie meist in die Wipfelregionen der Bäume fliegen, können sie beim Beuteverzehr so gut wie nicht beobachtet werden.



Männchen der Pokal-Azurjungfer im Flug (Foto: H.-Willi Wünsch, 04.09.2012, xxl-Foto)

Im Allgemeinen geht man jedoch davon aus, dass die Kleinlibellen kleinere Insekten, wie Fliegen, Mücken, kleine Käfer u. ä. im Flug erbeuten. In Ausnahmefällen sammeln sie diese auch von Blüten diverser Pflanzen ab.

Das Nahrungsspektrum der Larven besteht aus allerhand Kleingetier, wie Zuckmückenlarven, Eintagsfliegen und winzigen Krebsen, die unter Wasser, mit der für Libellenlarven typischen "Fangmaske", erbeutet werden.

Verbreitung in D/Welt
Die Pokal-Azurjungfer ist ein westmediterranes Faunenelement mit einer Ausbreitungstendenz in nördlicher und östlicher Richtung. Während die Art bei uns in Deutschland vor 30 Jahren noch ausgesprochen selten war, entwickelten sich seither stellenweise gesunde Populationen. Ihr Vorkommen hierzulande liegt fast immer in klimatisch begünstigten Regionen und ist daher auf die großen Stromtäler, die sich während der letzten Eiszeit bildeten, wie z. B. Rhein, Donau und Weser, beschränkt.



Kopula (Männchen rechts) der Pokal-Azurjungfern (Foto: H.-Willi Wünsch, 04.09.2011, xxl-Foto)

Ihre nordwestliche Verbreitungsgrenze der Pokal-Azurjungfer liegt zurzeit in Polen. Weiterhin kommt sie über ganz Südeuropa bis zum nahen Osten sowie in Afrika in den Ländern Tunesien, Algerien und Marokko vor. Erythromma lindenii ist in Frankreich verbreitet, während sie in den Benelux-Staaten nur vereinzelt vorkommt. Aufgrund mangelhafter klimatischer Voraussetzungen fehlt die Art in Großbritannien.

Verbreitung in NRW
Da die Art sehr schwer zu beobachten und leicht zu übersehen ist, gibt es nicht viele als sicher zu bezeichnende Vorkommen in NRW. Den Autoren sind nur wenige Habitate bekannt. So existiert eine kleine Population im ehemaligen Gelände des Tagebau Frechen, welcher vor einigen Jahren renaturiert wurde. In diesem Areal befinden sich eine Reihe von mit Fließgewässern verbundene Stillgewässer. Ein weiteres Vorkommen ist aus der Voreifel bekannt. Nahe der Ortschaft Füssenich liegt ein großer, 7,5 ha großer See, an dessen Südseite ein Bestand der Art vorkommt. Ein relativ neuer Fundort mit einer recht großen und stabilen Population ist aus dem Erftkreis bekannt. Diese befindet sich an einem einige ha großen Stillgewässer, nahe der Ortschaft Bedburg-Kaster.

Einen Überblick über die Fundpunkte zeigt die Arbeitskreis zum Schutz und zur Kartierung der Libellen in NRW

Benutzte Literatur
BELLMANN, H. (2007): Der Kosmos Libellenführer: Die Arten Mitteleuropas sicher bestimmen. Kosmos (Franckh-Kosmos). 279 S.

DIJKSTRA, Klaas-Douwe B. (2006): Field Guide to the dragonflies of Britain and Europe. British Wildlife Publishing Ltd. 320 S.

GESELLSCHAFT DEUTSCHSPRACHIGER ODANOTOLOGEN (GDO) (2009): Libellula Supplement 9: Atlas of the Odonata of the Mediterranean and North Africa.

GESELLSCHAFT DEUTSCHSPRACHIGER ODANOTOLOGEN (GDO) (2010): Libellula, Supplement 10, Studien zur Libellenfauna Griechenlands.

GLITZ, D. (2009): Libellen-Geländeschlüssel für Rheinland-Pfalz und das Saarland. NABU Rheinland-Pfalz & NABU Saarland. 109 S.

HILL, B., H.-J. ROLAND, S. STÜBING & C. GESKE (2011): Atlas der Libellen Hessens. FENA Wissen, Band 1: 184 S.; S. 152 ff.

KUHN, K. & K. BURBACH (1998): Libellen in Bayern. Eugen Ulmer, Stuttgart. S. 176 ff

STERNBERG, K. & R. BUCHWALD (2000): Libellen Baden-Württembergs, Bd. 1, Kleinlibellen (Zygoptera). Ulmer Verlag. 468 S.

Internet: www.waldschrat-online.de:: H. Gospodinova & H.-W. Wünsch: Die Libellen Nordrhein-Westfalens. 3. aktualisierte Auflage 2011 (CD-ROM Band 2: Kleinlibellen).

WENDLER, A. & NÜß, J.-H. (1991): Libellen: Bestimmung, Verbreitung, Lebensräume und Gefährdung aller Arten Nord- und Mitteleuropas sowie Frankreichs unter besonderer Berücksichtigung Deutschlands und der Schweiz. - Hamburg: DJN 1991, 129 S.


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Weitere Informationen zu Libellen (Odonata) im Internet

Arbeitskreises zum Schutz und zur Kartierung der Libellen in Nordrhein-Westfalen: Infos, Kontakte, Fotos, Links, Artenliste

Schutzgemeinschaft Libellen in Baden-Württemberg e.V. (SGL): Infos, Kontakte, Fotos, Links, Artenliste, Kartierung, Biologie, Ökologie usw.


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